eBook? Das liest doch kein Schwein!

Gestern, an einem wunderbar verregneten Abend, habe ich am Bahnhof eine alte Klassenkameradin getroffen. Meine Schulzeit liegt schon etliche Jahre zurück, aber wir haben uns doch noch erkannt. (Im Alltag trage ich normalerweise auch keine Maske!)

Wie man das so kennt: Wir sind ins Gespräch gekommen…

Sie: „Und, was machst du jetzt so?“
Ich: (zögerhaft) „Ich mach was mit Büchern.“
Sie: „Ach, echt? In welcher Buchhandlung arbeitest du denn?“
Ich: „Nein, nein, ich schreibe die Dinger.“
Sie: (schweigt)
Ich: „Ernsthaft, ich schreibe erotische Geschichten.“
Sie: „O-okay, das hätte ich jetzt nicht gedacht. Bei welchem Verlag denn?“
Ich: „Ich bin mein eigener Verlag. Ich veröffentliche im Internet, bei Amazon z.B.“
Sie: „Krass. Aber ist das nicht total teuer? Bücher drucken lassen, meine ich.“
Ich: (verwirrt) „Es handelt sich um eBooks. Die muss ich nicht drucken lassen.“
Sie: (stirnrunzelnd) „Oh, ach so. Davon habe ich gehört. Aber die kauft doch kein Schwein, oder?“

Zu dem Zeitpunkt lasse ich meine liebevoll gestaltete Visitenkarte, die ich ihr eigentlich in die Hand drücken wollte, wieder in meiner Manteltasche verschwinden.

Ich: „Doch, natürlich werden die gekauft. eBooks sind ‚in‘. Erotik auch. Das klappt sogar ganz gut.“
Sie: „Hmm, das kann ich mir gar nicht vorstellen.“
Ich: „Wieso denn nicht?“
Sie: „Ich würde mir nie so einen – wie heißen die Geräte, mit denen man eBooks liest?“
Ich: (fast flüsternd) „E-Reader.“
Sie: „Ja, genau. Würde ich mir nie kaufen. Wenn ich lese, dann will ich richtige Bücher haben.“

Ich nicke langsam und lasse unbemerkt den Blick zur Bahnhofsuhr schweifen. Mir fällt ein Stein vom Herzen, als ich realisiere, dass mein Zug bald einfährt.

Ich: „Ist es denn nicht egal, wie man Geschichten liest? Der Inhalt entscheidet doch, oder wie meinst-“
Sie: „Ne, ich will doch das Papier an den Händen spüren.“

Ich schweige und zähle die Sekunden.

Sie: (mitleidig) „Jetzt mal ernsthaft, was machst du denn beruflich?“

Mir fehlen die Worte. Mein Zug fährt ein. Ich lächle ihr noch kurz zu und steige ein.

Sobald sich die Bahn in Bewegung setzt, fallen mir etliche Argumente ein, mit denen ich hätte versuchen können, sie zu überzeugen. eBooks ‚boomen‘ ja wirklich. Und mit erotischer Literatur lässt sich gutes Geld verdienen. Ich erinnere mich an die Statistiken aus dem letzten Jahr, während ich meine alte Klassenkameradin aus dem Fenster beobachte.

Sie ist längst in etwas für mich Unsichtbares vertieft, das sich auf ihrem Handy-Display abspielt.

Ob sie ihre Facebook-Nachrichten wohl auch noch mit der Hand schreibt? Wenn ich nur an die vielen Briefmarken denke…